Sonntag, 04. November 2018 – Peisverleihung

So hier ist er nun. Der letzte Festivaltag. Das heutige Programm steuert direkt auf den Höhepunkt der Filmfestspiele zu: Die Preisverleihung der begehrten „Biber“. Doch bis zur Gala, die neben zehn Preisträgern auch eine große Überraschung bereithalten wird, sind es noch acht Stunden. Schon morgens um 11 Uhr sind die Kinosäle prall gefüllt. Statt lange auszuschlafen, gemütlich zu frühstücken, oder den Gottesdienst zu besuchen, zieht es die Biberacher*innen immer noch in Scharen in den Traumpalast. Obwohl man sich nicht beim Namen kennt, begegnet man immer wieder den gleichen Gesichtern. Man grüßt sich freundlich. Die Filmleidenschaft verbindet einfach. 

Das Festivalfinale wird für mich mit dem Fernsehfilm RUFMORD eröffnet. Die Grundschullehrerin Luisa Jobst (immer wieder toll: Rosalie Thomass) ist in ihrer Art zu arbeiten immer offen und direkt. So erlaubt sie ihren Schülern Smartphones im Unterricht, lässt sich aber auch nicht von Eltern einschüchtern, die eine bessere Benotung für ihr Kind fordern. Mit ihrer Direktheit tritt sie aber offenbar den falschen Leuten auf den Schlips. So tauchen nämlich alte Nachtfotos der Lehrerin im Internet auf. Ihr Privat- und Berufsleben gerät dadurch aus den Fugen. Sie wird zum Ortsgespräch. Als sie herausfindet, wer für das Cybermobbing verantwortlich ist, verschwindet Luisa Jobst spurlos. Alle Spuren deuten darauf hin, dass die junge Lehrerin ermordet wurde. Die Drehbuchautorinnen Claudia Kaufmann und Britta Stöckle kreieren eine Geschichte in der vor allem das Verhältnis zwischen Opfer und Täter im Vordergrund steht. Die Vielschichtigkeit der Charaktere ist für einen Fernsehfilm außergewöhnlich und macht es dem Zuschauer schwer sich für eine Seite zu entscheiden. Darüber hinaus ist absolute Spannung bis zum Ende garantiert!

Die Filmfestspiele enden für mich, wie sie begonnen haben. Mit einem Film von Werner Herzog. Der Ehrenpreisträger der diesjährigen Biberacher Filmfestspiele stellt seinen neuen Dokumentarfilm MEETING GORBACHEV vor. Die Vorstellung ist restlos ausverkauft. Die Einführung von Festivalintendant geht länger als sonst. Kutter spricht nicht nur über die Arbeit und die Bedeutung Herzogs für den deutschen Film, sondern auch über die tiefe Freundschaft, die die beiden verbindet. Aber auch viele Zuschauer scheinen sich zu freuen. Viele von ihnen halten den Filmfestspielen seit Jahren die Treue und haben Besuche des Regisseurs in Biberach und viele seiner Filme erlebt, und jetzt endlich wieder einen in Form einer Dokumentation. Herzogs Annäherung an Gorbatschow zeigt wie sehr er von großen Persönlichkeiten und Erzählungen fasziniert ist. Geschickt schneidet er die drei von ihm geführten Interviews mit historischem Material zusammen. Mal kommentiert er das Geschehen. Mal lässt er Bilder und Aussagen Gorbatschows beim Zuschauer nachwirken. Dabei kommt Herzog einem der bedeutendsten Politiker des 20. Jahrhunderts immer näher. Und obwohl viel über Politik gesprochen wird, schafft es Herzog dem von Krankheit und Alter gezeichneten Gorbatschow tief in das Herz zu blicken. „Man hat mir das Leben genommen, als meine Frau starb“, sagt Gorbatschow, während seine Augen wässrig werden. Als er am Ende auch noch ein russisches Gedicht zitiert, ist das ein wahrhaft epischer Erzählmoment. 

Nach dem Abspann folgt langanhaltender Applaus. Einige Zuschauer erheben sich sogar von ihren Sitzen, während Herzog und Kutter Hand in Hand die Treppe herunter schreiten. Beim folgenden Q&A antwortet Herzog geduldig, ausführlich und differenziert. Und als zwischendurch über pro-russische Aussagen des Regisseurs gemurrt wird, blitzt sein Wille zur unbedingten Auseinandersetzung auf, indem er sich direkt an die Kritiker wendet und sie provokant dazu auffordert, ihren Unmut laut und deutlich zu äußern. Er halte das schon aus. Nach fast einer Stunde muss die Filmbesprechung beendet werden, die vermutlich noch ewig hätte dauern können. Kutter und Herzog müssen zur Preisverleihung in der Stadthalle. 

Auch ich hetze zu meinem Auto. Ich hole meine Karte und ziehe mir schnell ein frisches Hemd an. Noch schnell ein Sekt und dann geht’s auch schon los. Nach einer kurzen Begrüßung geht es auch schon ohne große Umschweife zur ersten Kategorie, dem Publikums-Biber. Der geht in diesem Jahr an den Debütspielfilm „RAUS“ von Oliver Hirsch. Dieser freut über diesen Preis, da er ja Filme für das Publikum und nicht für Fachjurys mache. Ähnlich geht es Katharina Wyss, die mit ihrem Drama „SARAH JOUE UN LOUP-GAROU“, die Schüler-Jury überzeugen konnte. Da sie in ihrem Film viel mit Schülern zusammengearbeitet hat, kommt der Film aus ihrer Sicht praktisch nach Hause.

Dann wird der Ehrenbiber an Werner Herzog verliehen. In der langen Laudatio lässt Adrian Kutter Herzogs Lebenswerk Revue passieren und zeigt auch die besondere Bedeutung des weltweit bekannten Regisseurs für die Biberacher Filmfestspiele auf. 1975 war es Kutter gelungen, Herzog nach Biberach einzuladen. Herzogs Versprechen, Biberach in der gesamten deutschen Filmindustrie bekannt zu machen, hielt er ein. Genau wie seine Treue. Immer wieder war mit seinen Filmen in Biberach zu Gast. Die Zuschauer erheben sich von ihren Sitzen und applaudieren dem Preisträger lange. Dieser bedankt sich anschließend bei Adrian Kutter dafür, dass er mit Biberach einen der Außenstützpunkte des deutschen Kinos erhalte. Wenn nicht hier, wo sonst werde der Film und das Erzählen von Geschichten überleben, prophezeit Herzog. 

Emotional wird’s dann beim Kurzfilm-Biber. Nachdem der „DER BESUCH“ von Christian Werner über die Leinwand geflimmert ist, hört man wie Publikum die Taschentücher gezückt werden. Tief berührend. Mit „PROXIMA-B“ von Stefan Brückner wird am heutigen Abend auch ein waschechter Science-Fiction Film ausgezeichnet, was auch den Moderator des Abends freut. 

Als nächstes erhält Douglas Wolfsperger mit dem Dokumentarfilm „SCALA ADIUE – VON WINDELN VERWEHT“ schon seinen insgesamt dritten Biber. „Preise sind wie Hämorrhoiden. Irgendwann kriegt jeder Arsch einen.“, zitiert Wolfsperger den Autor, Regisseur und Produzent Billy Wilder trocken.

Anschließend nimmt Regisseurin und Drehbuchautorin Alexandra Makarová den Sonderpreis für das beste Drehbuch für ihren Film „ZERSCHLAG MEIN HERZ“ mit den Worten „Mir ist schlecht.“ entgegen. Sie habe noch nie etwas gewonnen, außer einer Packung chinesischen Kaffee, bei einer Tombola, bei der allerdings jeder etwas gewonnen hätte. Zudem darf sich Felix Hassenfratz mit seinem Film „VERLOREN“ über den Biber für den besten Debütspielfilm freuen. Damit sind insgesamt vier Debütfilme ausgezeichnet worden. Unglaublich.

Dass mit „BIST DU GLÜCKLICH?“ wie auch im letzten Jahr der Eröffnungsfilm mit dem Fernseh-Biber prämiert wird, beweist, was für ein gutes Gespür Adrian Kutter für die Filme hat. Mit dem goldenen Biber wird anschließend der Spielfilm „ONCE AGAIN“ von Kawal Sethi ausgezeichnet. 

Während ein paar Besucher*innen - warum auch immer - bereits den Saal verlassen, tritt Adrian Kutter nochmal ins Scheinwerferlicht. Er blickt nochmal zurück auf die vergangenen 40 Jahre. Er dankt treuen Weggefährten, den vielen Menschen, die seit Jahren die Biberacher Filmfestspiele tragen und seiner Frau „für das große Glück“, was er mit ihr habe. Und während er erzählt, merkt man langsam, dass es hier gerade um viel mehr geht, als nur um einen Abschluss der diesjährigen Filmfestspiele. Und obwohl er über sein fortgeschrittenes Alter spricht, sehen es nur die wenigsten kommen. Als Adrian Kutter verkündet, dass die 40. Biberacher Filmfestspiele, seine letzten als Intendant gewesen seien, geht ein überraschtes Raunen durch den Saal. Erschreckt ruft sogar ein Zuschauer laut mehrmals „Nein!“ in Richtung Bühne. Als Kutter dann die Bühne bescheiden verlassen möchte, wird er von seinen Vorstandskollegen daran gehindert. Das Publikum erhebt sich und spendet minutenlangen Applaus. Ein echter Gänsehautmoment. Für seinen Verdienst um die Biberacher Filmfestspiele, erhält der Gründer Adrian Kutter, dann noch ein besonderes Abschiedsgeschenk. Der variable Sonderpreis, der dieses Jahr für das beste Drehbuch verliehen wurde, trägt in Zukunft den Namen „Adrian“. Es ist der einzige Preis der in Zukunft nicht in Form einer Biber-Statue vergeben wird, sondern aus einem kleinen, goldenen Filmband besteht. 

Nach der Gala müssen alle Filmschaffenden und Besucher*innen diesen Abend bei Sekt und Essen erst einmal verdauen. Ich für meinen Teil freue mich schon auf das nächste Jahr. Doch jetzt geht es für mich zurück in den Alltag. Ich hoffe ich fall in keine Post-Filmfestspiele-Depression. Gut zu wissen, dass es nur noch 359 Tage zu den nächsten, den 41. Biberacher Filmfestspielen sind. 

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