Mittwoch, 31. Oktober 2018

Der Wecker klingelt. Es ist 7:40 Uhr. Fünf Stunden Schlaf fühlen sich nach zu wenig an, aber ich muss noch den Blog-Eintrag vom Eröffnungstag schreiben. Also: Kaffeemaschine an und Radio aufdrehen. Nach einer Stunde bin ich fertig. Jetzt noch kurz im Stehen frühstücken – ich werd‘ schließlich in den nächsten Tagen lang genug sitzen – dann muss ich los.

Der Traumpalast ist morgens überschaubar gefüllt. Ein paar wenige haben den Weg ins Kino gefunden, um sich ein bisschen Filmhistorie zu gönnen. „AGUIRRE, DER ZORN GOTTES“ von Werner Herzog, dem diesjährigen Ehrenpreisträger, aus dem Jahr 1972 steht auf dem Programm. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich noch nie einen Film von Werner Herzog gesehen habe. Mindestens genau so spannend wie der Film ist, wie Adrian Kutter vor dem Beginn noch ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudert. Man merkt wie nah ihm die Filmschaffenden der 68er sind. Herzog, Fassbender, Wenders, Handke – oder wie sie alle heißen – und alle waren sie schon in Biberach. Und obwohl z.B. „AGUIRRE, DER ZORN GOTTES“ schon über 40 Jahre auf dem Buckel hat, ist der Film voll von zeitloser Symbolik und Metaphorik, dass er immer noch aktuell ist. Es geht um die Gier nach Macht, Reichtum und Rum und die Ausbeutung von Schwächeren. Zum Schluss öffnet die Figur AGUIRRE (gespielt vom legendären Klaus Kinski) die vierte Wand und sagt zum Publikum gewandt: „Wir werden das Land einnehmen und die, die nach uns kommen werden es ausquetschen“. Ein Satz den Donald Trump wahrscheinlich auch twittern würde.

So langsam wird es voller im Kino. Ich häng ein wenig im Kinofoyer rum, trink Kaffee und beobachte Leute. Dann kommt Ronald Zehrfeld vom gestrigen Eröffnungsfilm um die Ecke. Mehrmals überlege ich ihn anzusprechen, doch irgendwie trau ich mich nicht so recht. Und so beobachte ich die Schauspieler und Macher von „BIST DU GLÜCKLICH?“ dabei, wie sie locker miteinander quatschen und hier und da ein Selfies mit Filmfestgänger*innen machen. 

Um 16 Uhr (was mir eher vorkommt wie acht Uhr abends) hab ich’s mir im Kinosessel bequem gemacht und warte auf „DER TRAFIKANT“. Und der lohnt sich. Der ausverkaufte Kinosaal bekommt ein echtes Kinoerlebnis vorgesetzt. Kino at it’s best. Detailreiche Ausstattung, durchdachte Beleuchtung, gut montierte (Alb-)Traumsequenzen und eine großartige Kameraführung. Dazu die zwei Nachwuchsschauspieler Simon Morzé und Emma Drogunova, die sich vor den Altstars Bruno Ganz und Johannes Krisch nicht zu verstecken brauchen. Zum Inhalt verlier ich hier mal nichts. Die meisten kennen das Buch. Wer sich hier jetzt bei einem „Nein“ ertappt: Buch lesen, Film anschauen.

Das Gulasch aus „DER TRAFIKANT“ hat meinen Magen daran erinnert, dass er eigentlich auch Hunger hat. Sich den ganzen Tag mit kleinen Snacks über Wasser zu halten, war keine gute Idee. Also kurz was zwischen die Zähne bekommen und einen doppelten Espresso hinterher kippen. Mein Körper braucht dringend Koffeinnachschub. Schließlich sind es noch 5 Stunden Kino heute. Auf dem Rückweg zum Kino laufe ich noch Simon Morzé, Emma Drogunova und TRAFIKANT-Produzent Jakob Pochlatko über den Weg. Schnell ergibt sich ein Gespräch über die Aktualität des Stoffes. Auch das sind die Biberacher Filmfestspiele. Man ist hautnah bei den Filmemachern und kann sich austauschen.

Da ich mich ein wenig verquatscht habe, komm ich fast zu spät zu „WIR HABEN NUR GESPIELT“ (Regie: Ann-Kristin Reyles). Durch die Hektik in der letzten Stunde, brauch ich kurz, um mich auf das neue Seherlebnis einzustellen. Die Geschichte wird ruhig und behutsam erzählt und entwickelt dadurch eine ungeheure Kraft. Der Junge Jona (toll gespielt von Finn Reyels) zieht mit seiner Mutter und seinem Stiefvater in das deutsch-tschechische Grenzgebiet. Aus präpubertärem Trotz und kindlicher Naivität heraus, versucht er sich mit Straßenkindern auf der tschechischen Seite der Grenze anzufreunden. Dass es Kindern wie z.B. Mirko (beeindruckende Leistung von Roman Bakhavani), nur weil sie ein paar Kilometer weiter in einem anderen Land geboren sind, viel schlechter geht als Jona selbst, kommt ihm nicht in den Sinn. Warum auch. Seine überbeschützenden Eltern sprechen lieber Verbote aus und schweigen über die wahren Gründe. Und so tut WIR HABEN NUR GESPIELT richtig weh, weil wir das Offensichtliche durch die Augen eines Kindes sehen. Ein Film der es in sich hat. Nicht für jeden was. Aber ein wichtiger Film!

Zum Tagesausklang (ich bin ja nicht schon 14 Stunden hier) geb‘ ich mir noch den ersten von vier bei Biberacher*innen beliebten Kurzfilmblöcken. Um nicht zu viel zu verraten, hier mal kurze Teaser die hoffentlich Lust auf mehr machen:

1.      NEXT DOOR: Kauftipp: Fußmatten sollten zumindest den Genitalbereich abdecken können.

2.      ABER WAS IST MIT DER SHOW?: There’s no buisness like show buisness.

3.      RIEN NE VA PLUS: Das Schicksal versucht im richtigen Moment einzugreifen.

4.      EARLY BIRDS: „Früher kommen“ ist hier ausnahmsweise mal kein Problem!

5.      DIE HERBERGE: Ausländerstereotype upside down.

Die Kurzfilmblöcke sind wie jedes Jahr wirklich zu empfehlen. Kurzweiliges Kinoerlebnis mit ganz unterschiedlichen Filmemachern. Nach 16 Stunden bin ich um 3:00 Uhr im Bett. Ich stelle meinen Wecker auf 7:40 Uhr und falle in einen tiefen, traumlosen Schlaf.  

 

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