Donnerstag, 31. Oktober 2019

Der Kopf ist voll

Donnerstag. Tag 2. Ich könnte ausschlafen. Ich hab‘ mir bewusst die ersten Vorstellungen erst um 14:45 Uhr gelegt. Man wird ja auch nicht jünger und mit ganz so wenig Schlaf komm ich leider auch nicht mehr aus. So war zumindest der Plan. Ich bin natürlich trotzdem viel zu früh wach, weil ich es eigentlich doch nicht erwarten kann, mich wieder im dunklen Kinosaal, im Sessel zu verkriechen. Bei dem Nebel und bei der Kälte die Biberach im Moment im Griff hat, eigentlich der Beste Ort an dem man sein kann. 

Am frühen Nachmittag starte ich den Kinotag mit „A hard working man“ und „Schlaf gut. Du auch“, zwei mittellange Spielfilme. Zum ersten Mal in einem meiner Lieblingskinosäle im Traumpalast, dem Saturn.  Im Vergleich zum gestrigen Kurzfilmblock ist das Kino nur halb voll besetzt. Das Biberacher Publikum muss mit dieser Kategorie, die in ihr drittes Jahr geht, vielleicht erst noch warm werden. Es lohnt sich aber. Das Format zwischen Kurz- und Langfilm gibt den Filmemachern nämlich die Möglichkeit komplexe Figuren und Situationen zu erzählen. Da ist zum Beispiel Viktor, dessen Restaurant, wegen massiver Geldsorgen kurz vor der Schließung steht. Das Handeln des Protagonisten löst dabei ambivalente Gefühle beim Zuschauer aus. Man hat Mitleid mit dem Mann, der alles versucht, seiner kranken Frau zu helfen und sein Restaurant zu retten. Allerdings wird auch deutlich, dass seine finanziellen Schwierigkeiten aufgrund seiner Spielsucht selbst verschuldet sind. Seine Verzweiflung treibt ihn schließlich zum Äußersten: Er entführt den reichen Verlobten seiner Tochter. Ein wenig durchdachter Plan, wie sich herausstellen soll. Großartig an Alexander Schwarz‘ Debüt ist aber auch, dass trotz all der Dramatik, die Komik nicht vernachlässigt wird. Beim gemeinsamen Abendessen bei den Schwiegereltern in spe, prallen die russische Kultur und jüdische Sitten so herrlich aufeinander und lösen wechselseitige Irritation und Missverständnisse aus. 

Voll von Missverständnissen ist auch „Schlaf gut. Du auch“ von Christian Knie. Agnes (bzw. später „Arschnes“) hat Flo betrogen. Was aber nicht an ihr liegt. Sondern angeblich daran, dass er keine Eigenschaften hat. Flo kommt bei Mutti unter, die gerade Besuch von ihrem Lover hat und deshalb nicht so recht Zeit für das gebrochene Herz ihres Sohnes hat. Und so lernt er Leonie kennen, die trotz einer schweren Herzkrankheit vor Lebensenergie sprüht. Gemeinsam crashen die beiden schließlich eine Hochzeit. Das Buch von Romina Ecker führt die Figuren, großartig gespielt von Moritz Leu und Svenja Jung, durch immer absurdere Situationen, die man alle selbst irgendwoher kennt. Christian Knie inszeniert die Schauspieler unglaublich fein und berührend. Jeder Blick, jede Geste berührt einen. Und ich? Ich kicher‘ eigentlich den ganzen Film hindurch in mich hinein. Der Film ist schlicht wunderbar.

Danach hab ich wieder zwei Stunden Zeit, die ich gefühlt auch brauch‘. Auf dem Plan steht als nächstes „Kopfplatzen“ von Savas Ceviz. Im Vorlauf hab‘ ich viel über den Film gehört und gelesen. Das Thema: Ein pädophiler Architekt der gegen seine Neigungen kämpft. Verantwortlich als Produzenten sind Daniel Reich und Christoph Holthof, die gefühlt jedes Jahr einen Film im Wettbewerb haben. Ich weiß, dass die beiden sich den Stoffen annehmen, die unbequem, unangenehm und schwierig sind, die sich den Geschichten aber auch sensibel annehmen. Und trotzdem hab‘ ich vor dem Film irgendwie Angst. Angst, dass ich ihn nicht aushalte. Angst, dass der Film zu krass wird. Auch deshalb geh‘ ich direkt davor noch zum BFFS-Talk „Klappe auf!“ in der Jugendkunstschule Biberach, wo die Schauspielerin Leslie Malton den Drehbuchautor und Regisseur interviewt. Schnell wird deutlich, dass sich Savas Ceviz mit dem Thema sehr genau auseinandergesetzt hat und nicht auf irgendwelche Effekte hinaus will. Er möchte sich differenziert einem Menschen annähern. Schwer genug. Denn immerhin ist seine Hauptfigur jemand der unter Pädophilie leidet. Ich sage bewusst leidet, weil man zu jedem Zeitpunkt später im Film merkt, wie schwer die Last dieser Neigung auf Markus, gespielt von Max Riemelt, liegt. Vielmehr hat der erfolgreiche Architekt einen Hass auf sich und Angst davor die Kontrolle über seine Triebe zu verlieren. Symbolisch blickt dabei Markus immer wieder in den Spiegel, wenn er einen in einem Gehege eingepferchten Wolf beobachtet. Mit solchen Bildern und mit einer Drehbuchvorlage, die die Verletzlichkeit eines Menschen preisgibt, der im Alltag bei jedem instinktiv Abwehrreflexe hervorruft, ihn dabei aber nie verrät und beschädigt. Besonders ist auch die Kamera von Anne Bolick, die nie voyeuristisch wird. Ein wichtiger, ein intensiver Film, der weh tut. Nach dem Film bin ich geschafft und entschließe mich nach Hause zu gehen. Die nächsten drei Tage werden nochmal voll und anstrengend. Und es ist ja noch nicht mal richtig Halbzeit!

Stadt BiberachMinisterium für Wissenschaft, Forschung und KunstKreissparkasse BiberachStiftung BC, Kreissparkasse Biberach
LIEBHERR Werk BiberachVolksbank Ulm-Biberach eG
EnBW Energie Baden-Württemberg AG