Dienstag, 30. Oktober 2018 – Eröffnung

Bist Du Glücklich? 

Also - 40. Geburtstage sind eigentlich nicht so mein Ding. Meist läuft die falsche Musik, die Leute sind entweder zu alt (Freunde meiner Eltern) oder zu jung (Kinder der Freunde) und man muss den Teil der Familie, der dann doch eingeladen wurde, bespaßen („Du bist aber groß geworden“ – „Ja.“ oder „Isst du auch genug?“ – „Jaha!“). 

Anders ging’s mir gestern in Biberach. Auch hier: 40. Geburtstag. Die Gäste: Ebenfalls eine eingeschworene, große Familie. Nämlich die der deutschsprachigen Filmemacher.

Familienfeiern zu Hause: Ich stehe spät auf und versuch‘ meiner Mutter aus dem Weg zu gehen, um nicht für irgendwelche Aufgaben eingespannt zu werden. „Geburtstag“ in Biberach: Ich wache viel zu früh auf und sitz die zehn Stunden bis es endlich los geht, wie auf glühenden Kohlen.

Irgendwann halte ich es nicht mehr aus und mach mich den Weg. Ich vertreibe mir noch ein wenig die Zeit und laufe durch die Stadt. Der Wind pfeift mir eisig kalt um die Ohren. In der Stadt ist alles wie immer. Man merkt kaum, was hier in den nächsten Tagen los sein wird. Eine Stunde vor Beginn wird endlich die Stadthalle geöffnet. Auf den Treppen im Foyer frag ich mich wie oft ich hier als Kind hochgestiefelt bin, um das Schützentheater zu besuchen. Oben herrscht eine warme und gespannte Stimmung. Fein angezogene Biberacher, überall Schauspieler, Regisseure und Produzenten. Küssschen hier, Küsschen da. Dort freudige Umarmungen, Smalltalk, extrovertiertes Gelächter. 

Nach endlosem Warten und einem Einlass der Ewigkeiten dauert (die Filmschaffenden lassen sich Zeit) geht es endlich los. Die Türen schließen sich, das Licht geht aus. Eine aufgeregte Stille legt sich langsam über das Publikum. Dann flimmert der Eröffnungstrailer über die Leinwand! Wie bei jeder Geburtstagsfeier gibt es erst mal Reden (oder Grußworte), einen Rückblick auf die Vergangenheit und die ein oder andere Überraschung. Zum Beispiel in Form eines kurzen Dokumentarfilms über die aufregende Zeit an der inzwischen geschlossenen Hochschule für Gestaltung in Ulm, deren verrücktes Studentenleben in den 60ern um einiges hipper und cooler aussieht, als das meinige. Irgendwann ist es dann doch Zeit für den Eröffnungsfilm. 

„Bist Du Glücklich?“ fragt uns der Titel. Puh. Eine Frage, auf die ich im Alltag mit „Keine Ahnung.“, antworten würde. Wahrscheinlich würde ich rumdrucksen, ein einerseits und doch ein andererseits finden. Im vom Max Zähle inszenierten Kammerspiel (Buch: David Ungureit) hat das Paar Sonja (Laura Tonke) und Marc (Ronald Zehrfeld) 90 Minuten Zeit diese Frage zu beantworten. Die beiden stehen zu Beginn metaphorisch und bildlich vor einem Scherbenhaufen, der mal ihre Ehe war. Jetzt wollen sie das loswerden, was sie anscheinend noch am offensichtlichsten verbindet: das gemeinsame Ferienhaus. Die Fahrt dorthin wird zu einer Reise in die Vergangenheit. Mit wirklich coolen Montagen, die man eigentlich in einem Fernsehfilm nicht erwartet (und weswegen man sich umso mehr darüber freut), verbindet sich die Realität mit Tagträumen und Erinnerungen an die gemeinsame Zeit. Es ist eine Spurensuche danach, wo man gemeinsam, oder einer der Partner allein, in unterschiedliche Richtungen abgebogen ist. Doch umso näher man die beiden kennen lernt, umso mehr merkt man, dass es nicht die großen, sondern die kleinen Dinge sind, die die Beziehung langsam, aber stetig zugrunde gerichtet haben. Es sind Nickligkeiten. Für sich genommen, total banal, aber trotzdem – ebenfalls wieder bildlich – wie Salz in einer offenen Wunde. Das Buch von David Ungureit schiebt dabei keinem der beiden, die Schuld für das Scheitern der Ehe in die Schuhe. Er sucht nicht nach Antworten, die es nicht gibt und die auch nichts an der Situation der beiden ändern würde. 

Max Zähle schafft auch - auch Dank der tollen Schauspieler - einen total untypischen Fernsehfilm, im positiven Sinn (allein das Logo des hessischen Rundfunk erinnert einen daran, dass es ein solcher ist). Der Film ist nicht überladen durch unnötige Figuren, die beim Erzählen der Geschichte stören würden. Man lässt den Schauspielern Zeit sich langsam zu entfalten. Durch leise und sanfte - manchmal ironische (Unter-)Töne - entwickelt sich so ein wunderschöner Anti-Liebesfilm. „Bist Du Glücklich?“ ist eine Ode an das Unperfekte, Pragmatische und Alltägliche in Beziehungen, in dem die wahre Romantik steckt, was einen immer wieder zum Lachen bringt. Er bewegt sich jenseits von großem Kitsch und übertriebenen Gesten und entwickelt dadurch eine ganz wunderbare Realitätsnähe. Ein Film, der bei der ganzen Palette an deutschen Liebeskomödien, die immer ein total weltfremdes Abziehbild von Beziehung, aber auch Trennung vermitteln, richtig gut tut. 

Nach dem kurzen Frage- und Antwortspiel zwischen den Machern des Films und dem Publikum, gibt’s im Foyer noch schnell eine Kartoffelsuppe. Dann bin ich reif für‘s Bett. „Bist Du Glücklich?“ – denke ich ein letztes Mal beim Zähne putzen. Heute – ja!

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