Donnerstag, 01. November 2018

Zweiter Festivaltag. Da heute Feiertag ist, nehme ich zwei Freunde mit zu den Filmfestspielen. Ein bisschen Filmluft atmen, den Alltag des Studiums hinter sich lassen. Die ganze morgendliche Autofahrt hindurch quatsche ich die beiden tot. Immer wieder interessant, wie wenig man die Müdigkeit spürt, wenn man eine Aufgabe hat, die einen erfüllt. Zur Feier des Tages gehen wir zusammen frühstücken. Ich bin irgendwie nur halb bei der Sache. Sich auf vier Sachen gleichzeitig zu konzentrieren (Smalltalk, Essen unfallfrei in den Mund verfrachten, Instagram bedienen, Blog-Eintrag Korrektur lesen) ist dann doch sehr viel. 

 Als ersten (und irgendwie auch zweiten Film des Tages) haben wir uns den TV-Zweiteiler „UNSCHULDIG“ (Regie: Nicolai Rohde) ausgesucht. Drei Stunden ohne Pause – da muss man schon Sitzfleisch beweisen und bei der Spannung vor allem Nerven bewahren. Alex Schwarz (gespielt von Felix Klare) wird aus der Haft entlassen. Eine Falschaussage bezogen auf den Mord seiner Frau hatte ihn ins Gefängnis gebracht. Die gesunde Mischung aus Kriminalfilm und der Aushandlung der zwangsläufigen Konflikte zwischen Alex‘ und der Familie seiner Schwägerin, die das Sorgerecht für seine Kinder übernommen hat, schafft ein erfrischendes Filmerlebnis, abseits sonntäglicher Tatort-Abende. Das gesamte Ensemble ist großartig besetzt. Allen voran natürlich Felix Klare, Britta Hammelstein und Sascha Alexander Geršak und  der Mischung aus bekannten und neuen Gesichtern in der deutschen Filmbranche. Das interessante und lustige Q&A (Eine Zuschauerin eigentlich in Bezug auf das Maskenbild: „Anna Loos ist aber alt geworden.“ – Geršak trocken: „Das würde Anna Loos über sie vermutlich auch sagen.“) lässt mich fast den nächsten Film verpassen.

„VERLORENE“ heißt das Debüt von Regisseur und Drehbuchautor Felix Hassenfratz, welches ich mir ausgesucht habe. Angesiedelt bei Heilbronn, schafft der Film zum Publikum eine gewisse örtliche aber auch emotionale Nähe, vor allem durch die schwäbischen, mal badischen Dialekte. Enno Trebs als großartig verlebter Wandergeselle bringt durch seine Ankunft, Bewegung in das fragile Familiengebilde zwischen dem Vater (gespielt vom Clemens Schick) und seinen beiden Töchtern (Maria Dragus und die Neuentdeckung Anna Bachmann). Die Bilder, die Inszenierung der Geschichte, aber auch die durchdringende Orgel- und Chormusik jagen einem den ein oder anderen Schauer über den Rücken. Und wenn die Tochter Maria zum letzten Mal im Film orgelt, ist man so tief bewegt, dass einem zwangläufig die Tränen in die Augen steigen.

Eigentlich bin ich jetzt schon ziemlich durch. Die Müdigkeit kriecht in meinen Körper. Ich friere. Meine Freunde waren in „AVA – EIN TURNERKIND“. Wir tauschen uns aus. Es ärgert mich, dass ich den Film verpasst habe. Die Beschreibung der beiden klingt einfach zu gut. Schade. Aber beim Filmfest muss man sich nun mal entscheiden und kann nicht alles sehen. Beim folgenden Essen diskutieren wir wieder über „UNSCHULIG“. Und obwohl wir bei manchen Dingen komplett unterschiedlicher Meinung sind, freu ich mich wahnsinnig. Meistens wenn ich mit Freunden im Kino war, entwickeln sich danach nicht so endlose Diskussionen über die inhaltlichen oder technischen Details. Das fehlt mir manchmal. Umso besser, dass es die Filmfestspiele gibt, mit vielen Filmfreaks auf einem Haufen.

Die Luft im Kinofoyer ist dünn, abgestanden und stickig. Als nächstes hab‘ ich Karten für den Debütspielfilm „SARAH JOUE UN LOUP-GAROU“ („SARAH SPIELT EINEN WERWOLF“) von Katharina Wyss. Auch hier weiß ich aus Zeitmangel mal wieder nur so halb worum es geht. Den Film hab‘ ich mir zufällig anhand des Titels ausgesucht. Knapp 90 Minuten später, sitz‘ ich nachdenklich in meinem Kinosessel und eine Filmfestbesucherin spricht mir aus der Seele, indem sie die Regisseurin lobt „für einen der besten Filme“ den sie je gesehen hätte. Hier stimmt einfach vieles. Katharina Wyss hat wirklich nichts dem Zufall überlassen, das spürt man. Die tolle Kamera von Armin Dierolf fängt im 4:3-Format leuchtende Bilder ein, die durch das Zusammenspiel von Licht, Kostüm- und Szenenbild farblich perfekt komponiert sind. Die großartige und unglaublich talentierte Loane Balthasar zieht einen mit ihrer Darstellung fast hypnotisch in den Film hinein. Seit dem Auszug ihres älteren Bruders, gibt es niemanden mehr, der Sarah wirklich versteht, am wenigsten sie selbst. Immer wieder wird sie von diffusen Gefühlen übermannt. Emotionen mit denen sie nichts anfangen kann, mit denen sie nicht weiß wohin. Sarah ist wie aus der Zeit gefallen und liest lieber Shakespeare statt am Smartphone zu hängen. Sie hört lieber mit ihrem Vater Opern von Wagner statt Justin Bieber. Und weil sie so nirgendwo Anschluss findet, flüchtet sie sich immer tiefer in ihre Parallelwelt aus Tagträumen und Schreiben. Am Ende des Films weiß ich schließlich nicht so Recht wie ich mich fühlen soll. Einerseits bin ich als Filmfreak absolut begeistert von der Machart. Andererseits muss ich den Inhalt erst verdauen. Deshalb entschließe ich mich nicht mehr in den Kurzfilmblock zu gehen, für den ich eigentlich eine Karte habe. Das hol ich dann morgen früh nach. Und so gebe ich das Ticket zurück, worüber sich eine Biberacherin, die keine bekommen hat, sehr freut. Ich hingegen geh tief berührt hinaus in die kalte und neblige Nacht und mach einen kleinen Spaziergang. Fernab vom Trubel der Filmfestspiele. Es gibt Filme da möchte man mit sich selbst allein sein, da braucht man Zeit für sich. Und obwohl das andere Filmfestbesucher*innen vielleicht ganz anders empfinden, ist SARAH UND DER WERWOLF für mich so ein Film.  

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